Interview

Herr Fährmann, seit mehr als fünf Jahrzehnten schreiben sie für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Wahrscheinlich hat sich in all diesen Jahren ein bestimmter Ablauf ihrer Arbeit eingespielt. Können Sie uns davon etwas erzählen?

Das ist leichter gefragt als beantwortet. Eine festgelegte Routine gibt es nämlich nicht.
Was ich nicht mache, ist schnell gesagt. Ich bin keine Nachteule. Ein gesunder Schlaf ohne quälende Stunden der Schlaflosigkeit ist bei mir die Regel. Die Morgen- und Abendstunden sind die üblichen Schreibzeiten. Allerdings fern von jeder starren Festlegung. Bis vor wenigen Jahren habe ich alle Texte zunächst mit der Hand geschrieben. Erst nach mehrfacher Überarbeitung nutzte ich die Schreibmaschine. Bei ganzen Passagen des Manuskripts ist das auch heute noch so. Aber der Computer, der die Schreibmaschine ersetzt, hat vieles erleichtert.

Und die inhaltliche Komponente eines Manuskriptes?

Erlebt- erforscht- erfunden ist ein Dreiklang, der die Texte bestimmt. Besonders meine Romane haben meist eine langwierige Recherche erfordert. Der Deutschlandfunk hat mich den Chronisten einer Epoche genannt. Chronisten müssen genau berichten, was war.

Wo entstehen ihre Bücher?

Mein Arbeitsplatz ist ein schmaler Schreibplatz in einem mit Büchern, technischem Gerät, Bildern und Erinnerungsstücken vollgestopften Zimmer. Die Morgensonne scheint herein.
Der gelegentliche Verkehr auf der Straße stört mich nicht. Aber es gibt immer wieder Ausnahmen beim Arbeitsplatz. Irgendwann fiel es mir auf, dass ich auch bei langen Zugfahrten gut schreiben kann. Die Fahrterschütterungen scheinen bei mir die Denk- und Kreativitätsprozesse zu besonders effektiv durcheinander zu schütteln und zu aktivieren. Aber lange Reisen sind seltener geworden, und der häusliche Tatort hat mehr Gewicht gewonnen.

Schreibblockaden, gibt es die bei Fährmann?

Doch, die gibt es. Auch Zweifel, ob das entstehende Manuskript den eigenen Ansprüchen genügen kann. Aber diese Tage, Wochen, manchmal auch Monate führen nicht zur  Verzweiflung. Auch habe ich jede Form des Dopings durch was auch immer gemieden. Wüstenphasen sind bei mir meist mit hartnäckiger Recherchenarbeit zu überbrücken. Und wenn das einmal nicht mehr gehen mag, dann werde ich mich ohne Groll vor das Regal mit den Belegexemplaren meiner Bücher stellen und sagen: Fährmann, es ist wahrscheinlich genug.

Sie schrieben von dem Dreierschritt: Erlebt, erforscht, erfunden. Was hat es auf sich mit dem Erlebten in ihren Büchern?

Tatsächlich sind in allen meinen Romanen mal mehr, mal weniger Episoden eigenen Erlebens verarbeitet. Dass ich immer wieder das Leben im Ruhrgebiet beschreibe, Menschen mit Schwielen in den Händen, die beschränkten Wohnungen mit ihrer spärlichen Möblierung, die Gerüche vom Eintopf, der auf dem Kohlenherd garte, die Hygiene, weit entfernt von den Gegebenheiten heute, die Freuden, Sorgen, Ängste und  Nöte der Eltern, der Nachbarn, die politischen Pressionen, die Beschränktheiten der wirtschaftlichen Möglichkeiten, aber auch die Zuwendung in Familie und Nachbarschaft, das alles ist weit weg von den heutigen Lebensumständen. Und gerade deshalb erinnerungswert. Das banale Wissen, dass die Gegenwart nur verstanden werden und die Zukunft nur gestaltet werden kann, wenn aus der Vergangenheit Lehren gezogen werden, ist eine Triebfeder für mich.

Und was ist mit dem Erfundenen?

Das ist schwerer zu beschreiben. Manchmal sitze ich am Schreibtisch ohne festen Plan für den Fortschritt meines Textes. Dann kann es vorkommen, dass die Intuition plötzlich meine Feder fliegen lässt. Es entstehen Kapitel, die in keinem Zettelkasten,  keiner Planung fixiert waren. Die Alten sagten, die Muse habe sie geküsst. Die aber scheint mit den Jahren ihre Liebesbezeugungen sparsamer auszustreuen.

Wurden Sie als Kind in ihrer Schreiblust gefördert?

Ich hatte eine Oma, die gern und oft ihrem Enkel Geschichten erzählte. Mein Vater las mir bis zu meinem 10. Lebensjahre regelmäßig vor. Auch den Lehrern waren diese Übungen nicht fremd. Ich verinnerlichte also schon früh: Geschichten sind schön. Diese Grunderfahrung ist notwendig, wenn ein Mensch zum Leser werden soll und kann dann und wann auch dabei hilfreich sein, zum Schreiben zu führen. Bei mir war es so. Ich folgte dem Beispiel meiner Eltern, die viel und gern lasen. Als ich zu schreiben anfing, dachten beide vermutlich gelegentlich, dass sie einen Exoten großgezogen hatten.

Gab es außerfamiliäre Anregungen zum Schreiben?

Sicher. Ich war als Jugendlicher engagiert in einer Gruppe der katholischen Jugendbewegung. Die öffnete mir und anderen in der Gruppe die Welt der Künste. Film, Theater, Literaturbegegnungen, Wanderfahrten durch Deutschland und Europa, neue Lieder und Musik, ein Singkreis, Gespräche über Gott und die Welt; das alles waren Tore in die mir bis dahin wenig bekannte Gefilde. Und eine ausdrückliche Ermunterung zum Schreiben erfuhr ich ebenfalls durch die Gruppe.
Neben meiner Maurerzeit besuchte ich ein Abendgymnasium. Ein wunderbarer Deutschlehrer erzählte und las vor und weckte in mir die Liebe zur klassischen Literatur. Ich habe vielen Dankeschön zu sagen. Vielleicht liegt darin ein Grund, dass ich nie Probleme damit hatte, dass meine Romane auch Jugendliche ansprechen. Wenn allerdings die Erwachsenen die Bücher gelangweilt beiseite legen würden, wäre mir das ganz und gar nicht recht. Poesie kennt keine Altersstufen.

Was bedeutet Ihnen die Mitgliedschaft in der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur und im P.E.N. Club?

Man kann in beide Gremien nur berufen werden. Das macht sie zu einer wichtigen Bestätigung für die eigene Arbeit. Als ich vor rund 30 Jahren gefragt worden bin, ob ich zustimme, ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie zu werden, habe ich mich gefreut und gern zugesagt. Beim P.E.N. Club hat es etwas länger gedauert, bis man dort akzeptiert hat, dass die Kinder- und Jugendliteratur keineswegs einen nur niederen literarischen Stellenwert hat. Doch das Vorurteil, die Kinder- und Jugendliteratur sei keine eigentliche Literatur, ist in der Öffentlichkeit und in den Medien längst nicht völlig ausgeräumt. Aber die Anzahl derer, die sich auskennen, weil sie lesen, wächst. Zu langsam, finde ich, aber immerhin.

Die Anzahl ihrer Auszeichnungen und Literaturpreise ist beträchtlich. Welche bezeichnen Sie als besonders wichtig für Sie.

Der Deutsche Jugendliteraturpreis für DER LANGE WEG DES LUKAS B. war eine besondere Freude. Der katholische Jugendbuchpreis und der Große Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ebenfalls. Vielleicht war er als Preis für mein Lebenswerk etwas früh dran.
Die zweimalige Nominierung als deutscher Beitrag für den Weltpreis der Hans-Christian-Andersen Medaille war ebenfalls etwas Besonderes. Aber alle Preise und Auszeichnungen haben mich nicht überheblich gemacht. Immer habe ich gewusst, dass auch gute Bücher noch besser sein können.